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Anspruchsvolle Hochtouren (B) 0

Piz Palü Ostpfeiler

Das „Silberschloss“ Piz Palü ist sicher eine der auffälligsten und schönsten Berggestalten unserer Alpen. Dies rührt vor allem aus der Teilung des Berges durch die drei Felspfeiler, die die Nordflanke elegant und in gerader Linie durchmessen. Neben ihrer Einteilung nach den Himmelsrichtungen – Ostpfeiler (links), Mittelpfeiler und Westpfeiler (rechts) – werden sie manchmal (bis auf den Mittelpfeiler) auch nach ihren Erstbegehern benannt: Kuffner, Bumiller und Zippert. Der Ostpfeiler ist dabei der leichteste der drei und bietet hochalpine Genusskletterei bis zum oberen vierten Grad. Der Fels ist fest und griffig, der Zustieg in der Regel unkompliziert und der Abstieg führt durch eine eindrückliche Gletscherlandschaft – Bergsteigerherz was willst du mehr?

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ueberblick-piz-palue-o-pfeilerÜberblick über den O-Pfeiler

p1080500Unser Zeltplatz mit königlicher Aussicht auf Piz Trovat (links) und Piz Palü

Wir hatten unser Zelt unweit der Diavolezza Bergstation aufgebaut (mehrere offensichtliche Biwakplätze), der Wecker war auf 3 Uhr gestellt. Eigentlich war der Bumillerpfeiler geplant gewesen, da sich aber der Wetterbericht täglich änderte, entschieden wir uns morgens spontan dazu, den kürzeren und leichtern O-Pfeiler zu begehen. Dies war sogar so spontan, dass zwischen Frühstück und Anrödeln erst einmal die Tourenbeschreibung via Smartphone gescheckt werden musste – vielen Dank an tourentipp.de an dieser Stelle :-). Um 4.15 Uhr konnte es dann endlich losgehen. Wir folgten dem Wanderweg bis an die Bergstation des Sesselliftes und schlugen hier den Weg in Richtung Piz Trovat ein. Irgendwie verloren wir aber schon nach kurzer Zeit den Weg, denn der Pfad zum Gletscher zweigt bereits nach kurzer Zeit im Dunklen relativ unübersichtlich vom Klettersteig-Abstiegsweg ab. Glücklicherweise kam aber schon recht bald eine schweizer Seilschaft vorbei, der wir uns anschließen durften. Um 5 Uhr betraten wir den Gletscher – da es bereits Anfang September war konnte man nach wie vor nicht die Hand vor Augen sehen. Also gut, Stirnlampen aus, die Silhouette vom Piz Palü im Dunklen gesucht und dann möglichst in gerader Linie darauf zu. Wieder erwarten funktionierte das ganz gut, sodass wir bei Beginn der Dämmerung den flachen Abschnitt des Gletschers hinter uns gelassen hatten und uns schon im Aufstieg befanden. Sobald der Gletscher wieder abflacht (ca. 3300 m), muss dann schräg hinüber zum Pfeilerfuß gequert werden. Meine Sorge, dass der Übergang vom Gletscher zum Fels aufgrund der fortgeschrittenen Jahreszeit schwierig werden könnte erwies sich als unbegründet. Darüber hinaus ist dieser durch einen Bohrhaken sowie einen gebohrten Stand sehr gut absicherbar.

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Der Einstieg zum O-Pfeiler. Wir querten zunächst ein Stück nach links um dann schräg nach rechts hinauf die Kante zu gewinnen (orange). Möglicherweise führt aber der eigentliche Weg (grün) unten zunächst schräg nach rechts (dort hatten wir noch einen BH gesehen – danach allerdings nicht mehr).

p1080410Der Übergang zum Fels war problemlos machbar. Ich hänge gerade den ersten BH ein, ein wenig schräg rechts über mir ist der BH-Stand auf der Platte zu erkennen

Um 7 Uhr hatten wir dann beide den rauen Granit des O-Pfeilers unter den Füßen. Es gilt nun, zunächst einmal die ca. 20 m über einem liegende Pfeilerkante zu erreichen. Der beste Weg ist aufgrund einer Vielzahl von möglichen Wegen nicht gerade offensichtlich. Ich wählte folgende Variante: Von dem gebohrten Stand ca. 15 m horizontale Querung über ein breites Band nach links und von dort leicht schräg rechts aufwärts zwei von dort aus sichtbare Bohrhaken anpeilend (kurz unterhalb der Kante) in direkter Linie zur Kante. An den Bohrhaken befand sich für mich die klettertechnisch unangenehmste Stelle der Tour, es galt den letzten Absatz hinauf zur Kante in plattigem Gelände zu überwinden (IV+). Durch die Absicherung mit Bohrhaken kann hier allerdings nicht wirklich etwas passieren. Anhand der Platzierung der Bohrhaken erscheint es auch möglich, dass man vom Bohrhakenstand zunächst schräg nach rechts aufwärts (dort ist noch ein vom Stand aus sichtbarer BH) und dann schräg links hinauf geht.

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Zwei weitere Seilschaften waren an diesem Tag mit uns am Pfeiler unterwegs. Hier befinden sie sich gerade in der Querung zum Einstieg

p1080415Auf dem Weg vom Ende des Bandes hinauf zur Pfeilerkante

Auf der Kante angekommen sichere ich Arthur nach, von dort an gehen wir gemeinsam am langen Seil. Die Wegfindung ist dabei denkbar einfach: Immer der Kante folgen (II-III). Der Fels ist wunderbar rau und griffig sodass es ein wahres Vergnügen ist, daran zu klettern. Ab und zu findet sich auch einmal ein Normalhaken, mehrere Male sogar ein fixer Friend. Es kann aber auch stets selbst sehr gut abgesichert werden, bereitwillig nehmen die Risse unsere Friends auf. Nach einer Weile tauschen wir und Arthur steigt vor. Da der Tag nun  doch wirklich gut zu werden verspricht lassen wir uns Zeit und genießen die Ausblicke auf den „Festsaal der Alpen“.

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Die ersten Meter auf der Pfeilerkante

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Die Kletterei ist genial rau und griffig, das Ambiente einfach umwerfend

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Die Kletterei orientiert sich praktisch durchgehend an der Kante

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Auf dem Pfeiler angekommen scheint auch endlich die Sonne

p1080425Manchmal ist der Fels auch plattig, was jedoch durch das raue Gestein kein Problem darstellt

Kurz vor dem großen Gendarm tauschen wir wieder den Vorstieg, sodass ich die zweifelhafte Ehre habe, die nominell schwierigste Stelle als erster anzugehen. Der Gendarm kann laut SAC-Führer entweder direkt überklettert (schwieriger), als auch in der linken Flanke umgangen werden. Mit diesem Wissen im Kopf hatte ich mir die Flanke am Gendarm beim Zustieg bereits angesehen und neben dem Gendarm eine seichte Verschneidung entdeckt, über die man möglicherweise wieder zur Gratkante zurückkehren könnte. Da die direkte Überkletterung von unten zwar möglich, aber recht plattig und nicht wirklich schön aussah, entschied ich mich für die Umgehung. Dafür querte ich an der Stelle, an der es steiler wird und die Platten des Gendarmen beginnen (ca. 5 m unterhalb der weißen Schlinge, die an der „Schlusswand“ des Gendarms hängt) über ein Band nach links in die Flanke. Durch einen Durchschlupf gelangt man so in die (von hier aus kaum als solche erkennbar) seichte Verschneidung. Vom Durchschlupf steige ich ca. 5 m schräg nach links hinauf (IV+) und von dort wieder 10 m schräg nach rechts (1 H, V-), bis ich die Gratkante in einer Lücke hinter dem Gendarm wieder gewinne. Dort befindet sich ein relativ neuer Normalhaken, an dem ich mit einem Friend hintersichert Stand beziehe und Arthur nachhole.

grosser-gendarm-piz-palueDie Kletterei am großen Gendarm

Nun folgen wir erneut der Gratkante, wobei die Kletterei jetzt deutlich leichter ist (II). Schließlich erreichen wir das Ende des Felsteils und damit den Beginn des Firngrates, der direkt auf dem Ostgipfel endet.

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Nach dem großen Gendarm wird die Kletterei deutlich leichter…

p1080442…und der Firngrat rückt nun sehr schnell näher

Obgleich wir durch die Höhe zunehmend am Schnaufen sind, ist dieses Stück noch einmal lustvoll zu begehen, denn der Schneegrat zieht absolut symmetrisch hinauf. Nach etwa 15 min ist auch dieser Abschnitt überwunden und wir treten mit einem Schritt von der Vertikalen in die Horizontale – immer wieder ein geniales Erlebnis!

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Auf geht’s zum letzten Abschnitt!

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Himmelsleiter

p1080460Der letzte Meter :-)

Mittlerweile ist es 11 Uhr und entsprechend ist hier oben ganz schön was los. Wir machen unsere Gipfelbilder, brechen danach jedoch direkt wieder auf, denn es geht ein strammer Wind. Die kurze Traverse hinüber zum Hauptgipfel sparen wir uns, denn wir wissen beide: Hier oben sind wir nicht das letzte Mal gewesen! Also geht es über den NO-Grat hinab bis in den Sattel bei P. 3726 und von dort mit viel zick-zack durch den sehr spaltenreichen Gletscher. Von hier aus hat man noch einmal einen tollen Blick hinüber zum Pfeiler, eine Seilschaft ist dort sogar noch in Aktion zu beobachten.

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Abstieg über den NO-Grat

p1080474Wilde Gletscherszenarien

Auf dem flachen Gletscherplateau angekommen seilen wir ab und queren über den aperen Gletscher hinüber bis unter die Fuorcla Trovat. Einen mühsamen Gegenaufstieg später stehen wir in dieser Scharte und beginnen den Weg zurück zu unserem Zelt, das wir um 13.45 Uhr erreichen. Jetzt ist erst einmal ein Bierchen fällig! Das können wir denn auch in aller Ruhe genießen, denn wir haben glücklicherweise noch eine weitere Nacht eingeplant und können so am nächsten Morgen ganz entspannt und ausgeschlafen die Heimreise antreten.

Erstbegehung: Moritz von Kuffner, Martin Schocher und Alexander Burgener; 22.08.1899

Ausgangspunkt: Berghaus bzw. Biwakplätze auf der Diavolezza (2973 m). Erreichbar entweder mit der Seilbahn oder in 2 ½ Std. zu Fuß.

Zustieg: Vom Berghaus Diavolezza über den breiten Wanderweg hinüber zur Gipfelstation des Sessellifts. Dort rechts abbiegen (Beschilderung „Piz Trovat“). Nun kurz dem weiß-blau-weiß markierten Weg folgen, bis dieser nach rechts hinauf in die O-Flanke des Piz Trovat abbiegt. Hier geradeaus weiter durch Geröll (im Dunklen schwer zu sehen) und dabei die O-Flanke queren. Immer weiter in stetem auf und ab queren, bis man die Fuorcla Trovat (3018 m) erreicht. Hier rechts ca. 50 Hm hinab – ziemlich sandig und steil – bis auf den Gletscher (¾ Std.). Diesen in gerader Linie hinüber zu P. 3011 queren (hier begann bei unserer Begehung der überfirnte Bereich und ab hier war eine Spur erkennbar). Nun je nach Verhältnissen durch den spaltenreichen Gletscher recht steil hinauf, bis der Gletscher zum ersten Mal abflacht (ca. 3250 m). Nun einfache Querung nach rechts zum Pfeilerfuß (1 ½ Std.)

Einstieg: An dem gebohrten Stand (ca. 3300 m) etwa 5 m oberhalb des Gletschers

Länge: ↑ 909 mH, 5-7 Std. ↓ 909 mH, 2-3 Std.

Schwierigkeit: D-, 40°, V- und IV+ (kurze Stellen), ansonsten viel II und III

Abstieg: Über den normalerweise als breit ausgelatschte Spur vorhandenen Normalweg

Weitere Routen: NO-Flanke (Normalweg); PD, 40°

Mittelpfeiler (Bumiller); D+, V+, 60°

Westpfeiler (Zippert); D, III, 55°

Absicherung: Am Einstieg beim Übergang Gletscher-Fels ein gebohrter Stand, dann mehrere Bohrhaken auf den ersten 50 m bis zum Erreichen der Pfeilerkante. Von dort an vereinzelt Normalhaken, kurioserweise mehrfach nicht mehr entfernbare Fixfriends. Am Gendarm auf der Umgehung 2 Normalhaken, zumindest ein Normalhaken war auf der direkten Variante zu erkennen. Allerdings kann durchgehend mit Friends sehr gut abgesichert werden. Wir hatten 2 120 cm Schlingen, 3 60 cm Schlingen, Friends von 0,25-1 (0,75 und 1 doppelt), 6 Expresshaken sowie einige Schnapper und Verschlusskarabiner dabei.

Tipp/ Planung: Viele sind am Palü schon zu Beginn der Sommersaison unterwegs was ich zumindest für den Ostpfeiler nicht empfehlen kann. Dadurch, dass wir im September erst da waren, befand sich der Pfeiler in einem absolut schneefreien Zustand und lies sich so sehr angenehm klettern. Außerdem sind die Nächte dann schon wieder etwas kälter, was den Zustieg über den Gletscher vereinfacht und die objektiven Gefahren im Gletscherbruch vermindert. Hier unsere Zeiten zur Planung:

Zustieg Gletscher: ¾ Std.

Beginn Gletscher – Pfeilerfuß: 1 ½ Std.

Pfeiler: 4 Std.

Abstieg bis Diavolezza: 2 ½ Std.

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