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Anspruchsvolle Hochtouren 0

Dent d’Hérens O-Grat

“Westalentiger» lockt der 2,2 km lange, stellenweise brüchige Ostgrat aus dem Col Tournanche (…). Sieht man von der Nordwand ab, ist der Ostgrat die anspruchsvollste Tour zum Gipfel”

Pusch/ Dumler/ Burkhardt, Viertausender der Alpen

Der Dent d´Hérens, von Zermatt meist verdeckt durch das Matterhorn, entpuppt sich von Schönbiel aus gesehen als gewaltiger 4000er und ist darüberhinaus auch ein sehr formschöner Berg mit einer eindrucksvollen Nordwand. Der Ostgrat bildet dabei die Verbindung zum Matterhorn und ist einer der längsten Grate der Alpen (ca. 2,5 km). Ausgangspunkt für seine Besteigung bilden zwei darauf gelegene Biwakschachteln, das Bivacco Benedetti (3510m) und das Bivacco Giorgio e Renzo Novella (3706m), wobei man in jedem Falle versuchen sollte das weiter oben gelegene Biv. Novella zu erreichen. Man erreicht den Beginn des Ostgrats entweder direkt über den Colle Tournanche vom Rif. Duca degli Abruzzi oder – so wie wir – im Zuge einer Matterhornüberschreitung vom Colle del Leone her kommend.

 

Erstbegehung: V.J.E. Ryan, Franz und Joseph Lochmatter; 30.07.1906

Ausgangspunkt: Bivacco Gorgio e Renzo Novella (3706m). Vom Colle del Leone (am Ende des Liongrats nach einer Matterhornüberschreitung; 3580m) her kommend den Testa del Leone auf seiner schottrigen S-Seite auf Bändern umgehen und dann über den Firngrat in den Colle Tournanche (3479m) absteigen. Von hier dem O-Grat, zunächst über Firn, vorbei am Biv. Benedetti (3510m) folgen. Später geht der Firn in Fels über, man hält sich am besten direkt auf dem Grat. Zuletzt noch einmal über Firn auf die Punta Maria Cristina und das darauf gelegene Biwak (11-12 Std. von der Hörnlihütte). Zustieg zum Biwak auch vom Rif. Duca degli Abruzzi (2802m) möglich (man trifft dann am Colle Tournanche auf den hier beschriebenen Zustieg; 4½ Std. vom Rifugio, 6 Std. von Breuil).

Einstieg: Direkt hinter dem Biwak (Abstieg in den Col Maquinaz).

Länge: ↑ 465 mH, 7 Std.; ↓ 1480 mH

Schwierigkeit: D, IV, 50°

Abstieg: WNW-Flanke (5½-6½ Std.) zur Schönbielhütte (2694m) oder W-Grat (4½-5½ Std.) zum Rif. Aosta.

Weitere Routen: W-Grat; AD-, III
WNW-Flanke; D, III, 45°
N-Wand; TD+, IV, 90°
SSE-Grat (Cresta Albertini); D, IV

Tipp/ Planung: Bei Schlechtwettereinbruch ist ein relativ einfacher Abstieg von der Schulter (4040m) nach Süden über einen schon von weitem sichtbaren Firngrat zum Biv. Perelli (3848m, 20 min) möglich. Von dort kann man über den Glacier des Grandes Murailles in ca. 2½-3 Std. das Rif. Aosta erreichen. Am besten startet man beim ersten Tageslicht (ca. 5 Uhr), dann sollte man den Gipfel gegen 12 Uhr erreichen. Der Abstieg über die WNW-Flanke ist lang (ca. 4,5 km Luftlinie von der Abzweigung am W-Grat zur Schönbielhütte) und die Wegfindung im oberen, steilen Teil und an den Steilstufen zwischen den Gletscherplateaus schwierig. Daher bei Zeitmangel oder schlechten Bedingungen besser über den W-Grat zum Rif. Aosta absteigen.

 Dent d´Herens

Überblick über Dent d’Hérens und seine Nebengipfel

Wir erreichten das Novella – Biwak um 15.30 Uhr, 11 Stunden nach unserem Aufbruch von der Hörnlihütte. Die für neun Personen gedachte Biwakschachtel war leer, sodass wir es uns richtig “bequem” machen konnten. Wir hatten unseren eigenen Kocher dabei, fanden aber glücklicherweise noch ein paar alte Kartuschen, sodass wir auf zwei Platten gleichzeitig kochen konnten. Einzig der Wind machte uns Sorgen, der von NW her kommend um das Biwak pfiff. Nach einem üppigen Abendessen lagen wir um 20.30 Uhr in den Betten.

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Beim Zustieg. Im Hintergrund Matterhorn und Biv. Benedetti.

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Der O-Grat des Dent d’Hérens, gesehen vom Rif. Carrel

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Sonnenuntergang beim Biv. Novella

Wecken um vier Uhr – der Wind hatte sich über Nacht nicht gelegt. Wir beschlossen dennoch, den Grat zu versuchen und brachen nach einem gemütlichen Frühstück um fünf Uhr auf. Die erste Etappe unseres Wegs bildete ein Abstieg von ca. 70 Hm in den Col Maquinaz (3637m). Der Fels besteht überwiegend aus glatten, abschüssigen Platten, was den Abstieg sehr heikel machte. Wir hielten uns dabei fast die gesamte Zeit direkt auf dem Grat. Im Col angekommen begannen wir die Kletterei zunächst wieder auf dem Grat, querten aber sobald es möglich war über ein Band in die S-Seite, da hier der Fels leichter ist und folgten dem SE-Grat auf die Spitze der Punta Maquinaz (3801m). Über ein kurzes Stück Grat gelangten wir zu einer Einsattelung am Fuße der Punta Carrel. Sie ist charakterisiert durch zwei mächtige Pfeiler, die auch vom Tal aus sichtbar sind. Ein dritter Pfeiler befindet sich auf der Nordseite und ist zunächst nicht zu sehen. Wir kletterten am rechten Pfeiler etwa fünf Meter hoch (die Literatur ist an diesem Punkt recht verwirrend, da vom linken Pfeiler die Rede ist; der Führer bezieht sich aber auf den rechten und den in der Nordflanke gelegenen Pfeiler) und querten dann noch einmal fünf Meter nach rechts in die Nordflanke.

Punta Carrel

Die beiden mächtigen Pfeiler der Punta Carrel. Der dritte Pfeiler ist selbst vom Grat aus noch nicht zu erkennen und befindet sich rechts in der Nordflanke. Der Weg geht über den kleinen, schneebedeckten Absatz am Fuß des rechten Pfeilers und von dort nach rechts in die Flanke

Dort befindet sich ein steiler, schmaler Risskamin zwischen dem rechten und dem nördlichen Pfeiler durch den wir nach oben kletterten. Den Abschluss des Kamins bildete ein Klemmblock, der überklettert werden musste. Danach ging es noch einmal ein kurzes Stück in eine Lücke und über ein kleines Wändchen auf die Punta Carrel (3841m). Da der weitere Weg nun mehr oder weniger direkt auf dem Grat verlaufen würde, zogen wir hier unsere Jacken an, denn der Wind wehte nach wie vor ganz ordentlich von NW her.

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Der Kamin ermöglicht den Aufstieg auf die Pta. Carrel

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Am Ende des Kamins befindet sich ein Klemmblock der überklettert werden muss

Ein unangenehmer, plattiger und teilweise schneedurchsetzter Abstieg führte uns in den Col Blanche. Wir folgten hier direkt dem Grat und umgingen nur im oberen Teil einen Aufschwung auf der S-Seite. Gegen neun Uhr standen wir auf der Pointe Blanche (3918m). Ein schmaler Grat führte von hier zur nächsten Lücke. Da viel Schnee lag, folgten wir jetzt nicht – wie im Führer beschrieben – dem Grat, sondern nutzten den guten Firn in der Nordseite und betraten den Grat erst wieder im oberen Drittel.

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Unterwegs im oberen Teil des Grates. Im Hintergrund stets der mächtige Nachbar Matterhorn, von dieser Seite aus erinnert er eher an eine Kirche

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Auf der Pointe Blanche. Der Wind war unser ständiger Begleiter

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Nordseitige Umgehung der unteren Felspassage im Aufstieg zum Horn

In leichter Kletterei erreichten wir die “Schulter” (ca. 4040m). Von hier aus folgten wir immer direkt dem Grat und wichen nur am letzten Überhang vor dem Horn auf die S-Seite aus. Das Horn kann sowohl südseitig umgangen als auch direkt überklettert werden. Wir entschieden uns für letzteres und gelangten schließlich über einen letzten, schmalen Grat vom Horn zum Gipfel. Nachdem die Gipfelbilder geschossen waren, suchten wir uns ein Plätzchen auf der sonnenbeschienen S-Seite und genossen den tollen Ausblick. Nach etwa 20 Minuten Pause begannen wir den Abstieg. Er führt zunächst in plattigem Fels über den Westgrat bis dieser sich in einem Schneefeld verliert. Das Schneefeld wies guten Firn auf sodass wir diesen ersten Teil recht zügig hinter uns bringen konnten. Auf ca. 3800m verliessen wir den W-Grat und traversierten nach rechts in die WNW-Flanke, die von hier aus steil abfällt. Durch Abseilen überwanden wir einen ersten großen Abbruch. Dann wurde es ein kurzes Stück weit etwas flacher, steilte aber bald wieder auf. In einem weiten Rechtsbogen umgingen wir eine große Spalte, legten den restlichen Hang in mehrfachem Abseilen zurück und erreichten den Tiefmattengletscher.

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Rückblick zur steilen WNW-Flanke

Der Tiefmattengletscher bildet, bis er auf Höhe des Stockji in den Zmuttgletscher übergeht, mehrere Plateaus, die durch von Gletscherspalten wild zerissene Steilstufen voneinander abgetrennt sind. Wir durchquerten die erste Steilstufe mittig, hielten uns aber an den beiden folgenden Steilstufen ganz am linken Rand des Gletschers und mussten jeweils ein Mal abseilen. Auf dem dritten Plateau angekommen hielten wir über den nun aper werdenden Gletscher in einem weiten Linksbogen auf das Stockji zu. Dort kamen wir auf einen Weg, der uns zur Schönbielhütte führte.

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Der wildzerissene Gletscher konnte teilweise nur durch Abseilen überwunden werden

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Rückblick zur untersten “Stufe” des Tiefmattengletschers, von hier aus ist der Weg zur Schönbielhütte leicht aber noch einmal zäh

Nach einem mühsamen Gegenanstieg vom Schönbielgletscher das Geröllfeld hinauf erreichten wir die Schönbielhütte gegen 17.30 Uhr. Hier machten wir erst einmal eine größere Rast. Da mein Bergführer den Hüttenwirt gut kannte, überlies dieser uns freundlicherweise sein Auto, sodass wir ab den Wasserkraftwerken der Grande Dixence den restlichen Hüttenweg nach Zermatt fahrenderweise zurücklegen konnten.

Abschließend bleibt über den O-Grat zu sagen, dass er eine lange, ausgesetzte Tour in brüchigem Fels darstellt. Er sollte nur bei sicherem Wetter begangen werden, da man dem Wetter oft schutzlos ausgeliefert ist und sich ein Rückzug über den Grat recht schwierig gestaltet. Trotzdem ist die Tour landschaftlich sehr lohnend und bietet einige wirklich schöne Kletterstellen – wenn sie nur nicht so brüchig wären…

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