"Bergsteigen ist mehr als Sport. Es ist eine Leidenschaft" (Herrmann Buhl)

Westliche Zinne N-Wand – „Cassin“

Die drei Zinnen – Sehnsuchtsziel ganzer Generationen von Kletterern! Während die Große Zinne durch ihre durchweg glatte, teilweise sogar überhängende Nordwand ins Auge sticht, beeindruckt die Westliche Zinne durch das gewaltige, 40 m lange Baur-Dach. Keine Frage: Als es in den 30er Jahren um die Erstbegehung dieser Nordwand ging, war ein direkter Weg, wie ihn Emilio Comici in der Großen Zinne gefunden hatte, hier undenkbar. Nichtsdestotrotz fanden Riccardo Cassin und Vittorio Ratti eine Lösung, indem sie rechts des Daches den unteren Teil umgingen und erst oberhalb in einem gewagten und äußerst luftigen Quergang in den zentralen Wandteil vorstießen, um von dort in direkter Linie zum Gipfel zu klettern. Heutzutage stellt diese Route einen echten Geheimtipp unter den klassischen Kletterführen der Dolomiten dar, denn praktisch alle Seillängen sind äußerst genussvoll zu klettern. Leider ist die Schwierigkeit sehr inhomogen: Während sich der größte Teil der Route im 4. und 5. Grad – mit ein paar kurzen Stellen im 6. Grad – abspielt, sticht die im 8. Grad angesiedelte Schlüsselseillänge deutlich heraus. Zwar ist diese auch A0 möglich, leicht ist sie trotzdem nicht… An dieser Stelle möchte ich übrigens alle Cassin-Aspiranten ermutigen, die Route über den Originalausstieg zu beenden (es sei denn der Gipfel soll nicht bestiegen werden). Dieser lässt sich sehr schön klettern (schöner als der Normalweg) und man ist vermutlich deutlich schneller, als wenn man über das Ringband auf den Normalweg quert und über diesen ansteigt.

Topo „Cassin“

Simon und ich treffen uns um 5 Uhr in Toblach und treffen 45 min später bei der Auronzohütte ein. Ein früher Aufbruch kann wirklich nur empfohlen werden, weil der Andrang an den Drei Zinnen mittlerweile so groß ist, dass es einem bereits eine Stunde später passieren kann, dass es keine Parkplätze mehr gibt. Während sich die Aspiranten für die Große Zinne in Richtung Patternsattel aufmachen, laufen wir in die entgegengesetzte Richtung und erreichen schon bald den Col di Mezzo, von dem aus man das erste Mal zu den Nordwänden hinüberschauen kann.

Meine Ausrüstung für die „Cassin“ (die schwarze Softshell Weste unten rechts nahm ich dann doch nicht mit)

Morgenstimmung am Col di Mezzo

Im Zustieg zur Westlichen Zinne

Wir queren auf einem Pfad unter die Wand und steigen dann recht steil und unangenehm hinauf zum Einstieg. Um diesen zu erreichen muss zuletzt noch eine Schotterrinne ziemlich heikel gequert werden. Um 6:25 Uhr steigt Simon ein. Die ersten Längen sind super zum Warmwerden, nur an 1-2 (Einzel-)stellen muss mal etwas kräftiger zugepackt werden. Bevor die langgezogene Querung zur Mitte der Wand beginnt, muss zunächst die Höhe des angelehnten Pfeilers erreicht werden. Ein guter Orientierungspunkt hierbei ist das markante Dach, durch das die „Scoiattoli“ Route zieht – dieses ist, wenn man die Querung beginnt ca. 20 m über einem. Trotz sehr großzügiger Seillängen brauchten wir 4 SL bis zum Pfeilerkopf und damit bis zum Beginn der Querung. Dies ist eine wichtige Abweichung zum wahrscheinlich von den meisten verwendeten Topo auf bergsteigen.com, auf dem der Pfeilerkopf bereits nach 3 SL erreicht wird und ich gehe mal davon aus, dass wohl die allermeisten ebenfalls die 4 SL brauchen werden.

Blick auf den unteren Teil der „Cassin“ – die Einstiegslänge zieht durch die Rampe, die von rechts schräg links hinauf verläuft. Gut zu sehen ist außerdem das markante Dach der „Scoiattoli“ und der angelehnte Pfeiler

 

Die erste Seillänge

Zweite Seillänge

Dritte Seillänge

Vierte Seillänge

Die 5. SL startet moderat (IV) und zieht genussvoll schräg nach links hinauf, dann biegt man jedoch um eine Ecke und betritt die Ausgesetztheit der Nordwand.

Beginn der 5. Seillänge

Kurz vor dem Stand der 5. Seillänge

Mit der 6. SL ist nun auch die Schlüsselseillänge erreicht. An kleinen, bereits leicht speckigen Griffen und Tritten geht es an glatter Wand ein paar Meter nach links, wobei man nicht zu hoch queren darf. Dann ca. 2 Meter senkrecht hinauf – alles in allem insgesamt vielleicht 5-6 Meter (VIII oder VI+/A0), doch die haben es in sich. Praktischerweise hängt dann eine lange, blaue Prusikschlinge in der Wand, über die man sich ganz gut hochziehen kann. Im Nachstieg kann man sich die SL ganz gut hochnullen, im Vorstieg ist schon einiges schweres zwingend zu klettern.

Simon in der 6. Seillänge an der Schlüsselstelle (VIII)

Am Ende der 6. Seillänge, hier schon wieder in leichterem Gelände

Dann steht endlich der berühmte Quergang an zwei parallel verlaufenden Bändern an – auf diesen hatte ich mich ganz besonders gefreut. Simon hängt die beiden Seillängen des Querganges aneinander zu einer 50 m Länge. Das ist tatsächlich auch sehr gut möglich und empfehlenswert, spart man sich doch den Abstieg zum Zwischenstand. Die Schwierigkeit ist bei bergsteigen.com mit VI angegeben – einen Sechser habe ich hier höchstens als Einzelstelle beim Wechsel vom oberen zum unteren Band wahrgenommen, wobei an dieser Stelle eine schwarze Schlinge hängt, über die man die Stelle A0 lösen kann. Der Quergang ist durchweg sehr gutgriffig und dürfte meines Erachtens im 5. Grad einchecken. In jedem Fall ist er genau so schön und angenehm zu klettern, wie er aussieht, die Griffe sind wirklich durchweg gut. Am Ende muss noch einmal kurz etwas kräftiger zugepackt werden, dann verklingt der Quergang in einem leichten Band.

Eine der berühmtesten Kletterstellen der Alpen – der große Quergang in den zentralen Wandteil

Klettergenuss pur!

Nun muss ein kleiner Bauch überwunden werden (VI), der sich mit einem großen Seit-Untergriff über den man hoch zu guten Griffen greifen kann gut auflöst. Dann Linksquerung und hinauf zum Stand direkt neben dem Wasserstreifen.

Die VIer-Stelle nach dem Quergang

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Sowohl das bergsteigen.com als auch das topoguide.de Topo weisen den Weg von hier geradeaus hinauf, was noch einmal anspruchsvolles Gelände im 7. Grad an einem steilen Riss bedeutet. Ist mir unbegreiflich, warum keiner hier auf die Idee gekommen ist, bereits hier nach links durch den Wasserstreifen zu queren, was die deutlich leichtere Alternative ist: Das Gelände sieht zwar plattig aus, löst sich aber gut auf, auch finden sich auf dem Weg durchaus Haken. Im Wasserrinnsal muss ein kleines Stück abgeklettert werden, was jedoch durch eine schwarze Schnur, an der man sich festhalten kann gut entschärft wird. Jenseits des Wasserstreifens geht es in einfachem, genussvollem Gelände gerade hinauf zu einem bequemen Stand auf einem breiten Band.

Simon in der Querung des Wasserstreifens

Auf der anderen Seite geht es in einfachem Gelände genussvoll weiter

Von diesem muss ein kleiner, gelber Überhang überwunden werden, der jedoch gute Griffe aufweist (VI). Nach ca. 3 m Querung nach links; diese ist dann sogar anspruchsvoller als der Überhang selbst, geht jedoch auch gut, wenn man in dem unübersichtlichen Gelände die Griffe gefunden hat. Kurz darauf ist bereits der Stand erreicht.

Rückblick zu dem breiten Band und dem Überhang

Nach dieser kurzen Länge gehen wir die übrigen Längen simultan. Diese sind sehr schön zu klettern und zumeist einfach (III-IV), lediglich 2-3 Mal muss an kurzen Einzelstellen (V+) zugepackt werden, alles jedoch nicht mehr so wild.

Unterwegs in den moderaten Längen links des Wasserstreifens

Die Länge, die zum Ringband führt (unterhalb der gelben Wand im oberen Teil)

Überraschend schnell erreichen wir das Ringband. Wir entscheiden uns für den Originalausstieg: Von dem Punkt, an dem das Ringband erreicht wird Querung nach links zu einem Bohrhaken und von dort noch ein Stück weiter nach links bis zur Begrenzung der Wand durch eine Verschneidung. Hier schräg rechts einfach aufsteigen. Ohne fest vorgegebene Linie gerade und einfach hinauf. Kurze Einzelstelle an einem kleinen Überhang, dann linkshaltend auf den Einschnitt rechts eines bereits vom Ringband sichtbaren Zackens zusteuern, wo man auf die letzte Seillänge der „Demuth Kante“ stößt. Über diese mit atemberaubendem Blick auf die Nordwand der Großen Zinne im Sonnenschein zum Gipfel.

Ringband

Die erste Länge ab dem Ringband (links die begrenzende Verschneidung)

Genussvoll unterwegs im Originalausstieg

Eindrucksvoller Blick auf die Große Zinne

Die letzte Länge verläuft gemeinsam mit der „Demuth-Kante“

Wir haben wirklich einen perfekten Tag erwischt: Strahlend blauer Himmel, als einzige in der Tour, milde Temperaturen in der Wand und auf dem Gipfel ist auch nicht viel los – es ist windstill und warm. Nach ½ Std. Pause steigen wir ab, wobei wir insgesamt 5x 20-25 m abseilen (wir waren mit einem 50 m Einfachseil unterwegs, was völlig ausgereicht hat. Um 12:45 Uhr sind wir wieder zurück am Auto – und treten ganz schnell die Flucht vor den Menschenmassen, die hier unterwegs sind, an. Nach der wunderbaren, ruhigen Zeit in der Wand ein regelrechter Kulturschock…

Erstbegehung: Riccardo Cassin und Vittorio Ratti, 28.-30.08.1935

Ausgangspunkt: Parkplatz am Rifugio Auronzo (2330m), 18 km von Cortina d’Ampezzo

Zustieg: Über Weg Nr. 105 zum Col di Mezzo (2324 m) und von dort über einen Pfad unter die N-Wand der Westlichen Zinne queren. Dann im zick-zack über Wegspuren gerade hinauf zum Wandfuß und zuletzt durch eine Rinne zum Einstieg queren (Vorsicht: Steinschlag möglich)

Einstieg: Ziemlich genau in Falllinie unterhalb des angelehnten Pfeilers in einer Art Rinne

Länge: 17 SL/ 550 mH/ 6-8 Std.

Schwierigkeit: VIII (V+/A0)

Absicherung: Die Route ist in den schweren Längen zwar mit vielen, aber alten Normalhaken bestückt. Zwischendurch steckt weniger, sodass ein Satz Friends in jedem Fall dabei sein sollte. Vor und nach der Schlüsselseillänge befindet sich auch je ein Bohrhaken.

Abstieg: Über den Normalweg (mit roten Strichen markiert, trotzdem nicht immer offensichtlich), 1 ½ – 2 Std.

Weitere Routen:

  • „Scoiattoli“, VIII+/IX-
  • „Schweizerführe“; X
  • „Bellavista“, X/X+

 Tipp/ Planung: Früher Start, um noch einen Platz auf dem Parkplatz zu bekommen. Soll der Gipfel mitgenommen werden, dann in jedem Fall über den Originalausstieg aussteigen – dieser ist deutlich lohnender als der oberste Teil des Normalweges, den man ansonsten nach dem Ringband noch klettern muss.

 

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