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Ultrawandern/ Megamarsch Frankfurt 2019 – Bis an die Schmerzgrenze und dann noch mal 50 Km

Samstag, 14.10.2018, 2:25 Uhr. Ich warte auf ein Taxi, dass mich einfach nur noch nach Hause bringen soll. Ich friere, bin müde und körperlich vollkommen zerschlagen, jeder Muskel schmerzt. Am Vortag bin ich noch mit größten Ambitionen zum Megamarsch Frankfurt, einer Wanderchallange, bei der es in 24h 100 Km weit zu wandern gilt, gestartet. Jetzt, 10 Stunden später, macht sich eine tiefe Ernüchterung in mir breit – ich habe es nicht geschafft. Musste aussteigen, nachdem ich gerade einmal die Hälfte zurückgelegt habe. Und das, obwohl ich früher schon bis zu 72 Km erfolgreich erwandert habe. Ich habe absolut die Schnauze voll vom Ultrawandern. Doch schon wenige Wochen später steht fest: Das kann so nicht stehen bleiben! Ich werde 2019 wieder an den Start gehen…

Nachdem die Potenzierung von Wettkämpfen bereits in allen möglichen Disziplinen Eingang gefunden hat, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es auch beim Wandern Veranstaltungsangebote mit überlangen Strecken geben würde. Ultrawandern ist im Trend. So listet beispielsweise der Wanderblog www.schöne-aussicht.de für das Jahr 2019 stolze 55 Ultrawanderevents, die vom 42 Km Marathonmarsch bis hin zur unglaublichen, knapp 180 Km langen Extremwanderung „extrem-extrem“, reichen. Besonders populär sind die 24h events, bei denen es in einem Zeitrahmen von 24 Stunden zwischen 70-100 Km zu erreichen gilt. Das Interessante an diesen Veranstaltungen ist, dass sie, anders als beispielsweise Ultraläufe oder Ironmans, auch schon mit einem vergleichsweise geringen Trainingspensum von Normalsterblichen zu schaffen sind. Sie bieten somit eigentlich jedem, der sich gerne einmal mental und körperlich einer echten Herausforderung stellen möchte, die optimale Gelegenheit.

Bei mir hat das Ultrawandern seinen Ursprung im Jahre 2012, bei dem ich an einer 72 Km Wanderung teilnahm, um mich auf meine Alpamayo/Huascaran Expedition vorzubereiten. Jahrelang schwirrte mir der Gedanke, den ich damals kurz vor Abschluss der Wanderung hatte „also 100 Km müssten auch drin sein“ im Kopf herum. Als ein Freund mir schließlich von seiner Teilnahme am Megamarsch Köln erzählte, war die Sache klar: Ich würde beim Megamarsch Frankfurt das „Projekt 100 Km“ angehen. Leider stellte sich bei meinem ersten Versuch im Jahre 2018 heraus, dass das für mich nicht eben mal aus der kalten Hose geht, ich musste den Versuch abbrechen. Deshalb nutzte ich das Jahr bis zum nächsten Megamarsch, um mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und so stand ich am 12.10.2019 erneut im Freizeitpark Unterwiesen in Eschborn, um mich der Herausforderung zu stellen. Da die An- und Abreise beim Megamarsch selbstorganisiert wird, hatte ich die Unternehmung logistisch so geplant, dass meine Frau mich zum Start brachte bzw. im Ziel erwarten würde und mein Vater in der Nacht bei einem etwaigen Aussteigen bereitstünde. Ich reihte mich in den zweiten Starterblock ein (es wurden ab 16 Uhr alle 10 min 300-400 Starter auf die Strecke geschickt) und verspürte doch eine gewisse Nervosität, denn ich hatte mich so lange auf diesen Moment vorbereitet. Als es dann endlich losging war ich regelrecht erleichtert.

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Der Start erfolgt in einem abgesperrten Bereich, in den alle 10 min 300-400 Teilnehmer eingelassen wurden

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Gleich geht es los!

Leider war es zunächst schwierig, in mein Tempo zu finden, denn der Weg verengte sich sogleich und ich konnte in dem recht gemütlich vor mir hergehenden Pulk nur langsam vorrücken. Nach etwa 500 Metern wurde der Weg aber wieder breiter, sodass ich nun Fahrt aufnehmen konnte. Jetzt begann sich das Feld auch langsam auseinander zu ziehen, sodass ich aufpassen musste, mich nicht von den schnellen Läufern, die sich jetzt allmählich absetzten, mitziehen zu lassen. Insgesamt kam ich mir auf den ersten Kilometern noch ziemlich unrund vor und hatte von der Anspannung regelrecht schwere Beine. Dann aber fand ich meinen Schritt und pendelte mich bei einer Geschwindigkeit von 6,3 Km/h, leicht unter meinem eigentlichen Ziel von 6,5 Km/h ein. Die Angst, den Marsch wie im letzten Jahr zu schnell anzugehen saß einfach zu tief.

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Schöner Blick auf Frankfurt, kurz nach dem Verlassen von Eschborn

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Anfangs ist das Feld noch sehr dicht

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Auf dem Weg nach Bad Homburg

Die Strecke führte aus Eschborn hinaus, streifte Steinbach und Oberursel und leitete dann in direkter Richtung auf Bad Homburg zu. Sie folgte dabei der Regionalpark Rundroute, einem 190 Km langen Fahrradweg, der ausgehend von der Mainspitze in einem Kreis um Frankfurt und zurückführt. Der Megamarsch sollte diesem Fahrradweg auf einem 100 Km langen Abschnitt von Eschborn nach Langen folgen. Musste man sich 2018 noch an den Markierungen des Fahrradweges (und per GPS) orientieren, so war der Megamarsch 2019 komplett mit Schildern und Kreidepfeilen markiert. Ein großes Lob für die vorzügliche Markierung an dieser Stelle!

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Die Markierung erfolgte sowohl mit Schildern…

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…als auch mit Kreidepfeilen

Im Vorfeld hatte ich im Rahmen meiner Trainingswanderungen schon den Abschnitt Mainspitze-Eschborn und Langen-Mainspitze erwandert, sodass ich heute den fehlenden Abschnitt der Rundroute hoffentlich würde schließen können. Die ersten 50 Km der Megamarsch Strecke waren mir aus dem letzten Jahr geläufig und so konnte ich mich bereits auf den ersten Kilometern gut orientieren. Diese ersten Kilometer genoss ich wirklich, denn es war hell und die Beine noch frisch. Wenige Kilometer vor Bad Homburg begann es zu nieseln.

b2a4163519b1c98da42c26fbbaa8945a4d58960c2b933f0a951d72f9a366c133Magische Lichtspiele kurz vor Bad Homburg

Nun stand die Frage im Raum: Regenjacke oder nicht? Da für den Abend zwar Regen angesagt war, jedoch nur in geringer Menge entschied ich mich dagegen, denn es war eigentlich zu warm für eine Jacke. Trotz des Regens kam durch die untergehende Sonne eine fast magische Stimmung auf. Mit passieren des „15 Km“ Schildes hörte der Regen auf und verzog sich damit auch für den Rest des Marsches. Zum Glück, denn die Wetterprognose hatte noch bis 1 Uhr nachts eine erhöhte Regenwahrscheinlichkeit gemeldet.

4fdc9d3115de06e2e495a70a8cac96421c9a30edabe06244748e0b53ac2b7ff1Ab Kilometer 10 gab es alle 5 Km eine aufmunternde Kilometermarkierung

Um 18:50 Uhr erreichte ich schließlich die erste Verpflegungsstelle (VPS), die an der Albin-Göhring Halle in Bad Homburg aufgebaut war (Km 16,8). Der Plan war, an dieser nur kurz das Wasser aufzufüllen, ein paar Riegel zu schnappen und sofort weiter zu laufen, um mich vom Großteil des Feldes absetzen und ungestört mein Tempo laufen zu können. Zudem kam diese VPS nach meinem Geschmack einfach schon ein wenig zu früh (sie war beim Megamarsch 2018 bei Km 20 gewesen), sodass ich auch noch kein Bedürfnis nach einer längeren Pause verspürte. So kam es, dass ich bereits nach 5 min die VPS verließ und mich auf den Weg nach Friedrichsdorf-Seulberg machte. Langsam wurde es dämmerig, doch die nächsten 3 Km bis nach Seulberg ging es noch mit Tageslicht. Dann holte ich aber doch die Stirnlampe heraus, denn es war bereits sehr dunkel. Das Feld hatte sich nun vollkommen auseinandergezogen und die Wanderer gingen meist im Abstand von 50 Metern alleine oder in Zweiergruppen hintereinander her. Auch die Geschwindigkeit hatte sich eingependelt, sodass die Wanderer um mich herum auch ungefähr das gleiche Tempo liefen. Ich empfand das als sehr angenehm, es waren keine Überholmanöver mehr notwendig und es kehrte irgendwie „Ruhe“ ein. Jetzt konnte ich mich ganz auf den Marsch und auf mich konzentrieren. Interessanterweise hatte ich weder jetzt, noch später das geringste Bedürfnis nach Gesellschaft, ja ich empfand es als geradezu magisch, alleine mit mir und der Nacht zu sein. Ich legte den Kopf in den Nacken, beobachtete die Sterne und war irgendwie glücklich. Im nächsten Ort, Petterweil (Km 25), wurden wir von einem alten Ehepaar angefeuert, das wohl von vorhergehenden Wanderern den Grund für diese vielen marschierenden Menschen erfragt hatte. Langsam begann ich meine Fußballen zu merken. Dies kam jedoch nicht unerwartet, wusste ich doch, dass diese bei mir die Schwachstelle darstellten. Der Schmerz war jedoch vorläufig nur leicht ausgeprägt. Weiter ging es nach Okarben, wo kurz nach Km 30 der von Krombacher gesponserte Stand folgte (21:15 Uhr). Dieser bestand letztendlich nur aus einem Laster, aus dem einige Bierkisten auf den Boden gestellt worden waren, das Krombacher Radler kam aber trotzdem sehr gelegen.

658893f610d5cf5b61b570f48bc59c1f15702febbb98f53020d719da3862b61dProst!

Ich nutzte die fünfminütige Pause für einige willkommene Dehnübungen. Jetzt folgte ein sehr schöner Streckenabschnitt direkt an der Nidda entlang, die in der Dunkelheit gespenstisch gluckerte. Nach dem Verlassen von Karben kam der für mich schönste Teil des Marsches. Es ging, nach wie vor der Nidda folgend durch eine Art Auenlandschaft, die durch den Vollmond in ein wunderschönes Silberlicht getaucht wurde. Ich schaltete meine Stirnlampe aus und sog diesen wunderschönen Moment in mich auf.

837ae25e0cfb602e7945f457b685a51e332ffc203b7947c776993bd5ffa92d5fDas Bild kann leider aufgrund der Unschärfe (Handykamera…) nur einen entfernten Eindruck von der tollen Mondstimmung vermitteln

Nun war es nicht mehr weit bis zur VPS2, die bei Km 38 an der Breitwiesenhalle in Gronau wartete (22:30 Uhr). Ich nahm mir Salami und ein Marmeladenbrot und gönnte mir diese zusammen mit einer Tasse Kaffee. Danach legte ich mich auf einer Bank auf den Rücken und mobilisierte mein Iliosakralgelenk, das sich langsam bemerkbar machte. Bereits nach 15 min war ich bereit weiterzugehen, doch kaum hatte ich die ersten Schritte getan, spürte ich an einem Fußzeh eine wunde Stelle. Zähneknirschend musste ich 100 m hinter der VPS nochmals anhalten um den Zeh zu begutachten. Zum Glück war noch keine Blase entstanden, sodass ich ihn einfach abtapen konnte. Auch wenn mich diese Aktion weitere 10 min kostete, so ist es doch sehr wichtig Blasen so früh wie möglich vorzubeugen und schon die kleinste wund gescheuerte Stelle abzutapen. Endlich ging es weiter. Ich fühlte mich, möglicherweise durch das Koffein und den Zuckerschub von dem Marmeladenbrot aufgeputscht, unheimlich fit und pfiff gutgelaunt vor mich hin. Kein Vergleich zum letzten Jahr, bei dem ich nach dieser VPS bereits stark angeschlagen gewesen war. Die 3 Km durch Gronau und Niederdorfelden, die mir im Jahr zuvor endlos vorgekommen waren, flogen geradezu an mir vorbei. Dann erreichte ich den einzigen wirklichen Anstieg des Megamarsches, bei dem auf einer Strecke von 2 Km und 100 Hm der 210 m hohe Hühnerberg erklommen wird. Ich gab richtig Gas und überholte einige Wanderer vor mir. Kurz darauf war es mit dem Hoch allerdings auch schon wieder vorbei, denn das hohe Tempo rächte sich sofort an meinen Oberschenkeln, die zuzulaufen begannen. Dafür ging es jetzt aber erst einmal ein ganzes Stück bergab, sodass sich die Muskulatur wieder erholen konnte. Als ein absolutes Highlight empfand ich die, auf Initiative vom Regionalpark Rhein-Main am Wegesrand angebrachten Scheinwerfer, die den Lausbaum an der hohen Straße in ein mystisches Licht tauchten.

79607669c45eecf72c5d25fd7e069f0ee2b617ae06e02c7d95937dc3cef49bc4Tolle Lichteffekt am Lausbaum

Kurz darauf erreichte ich – nun wieder in Hochstimmung – die Ruhebank, an der ich im Jahr zuvor meinen besten Freund angerufen hatte, damit er mich abholen käme. Weiter ging es hinab nach Wachenbuchen, wo ich den Megamarsch 2018 endgültig abgebrochen hatte – welch ein Unterschied zu meiner jetzigen Verfassung! Trotz der mittlerweile 47 gelaufenen Kilometer fühlte ich mich noch relativ gut. Einzig die Fußballen und mein Iliosakralgelenk schmerzten, was aber alles noch in einem erträglichen Rahmen lag. Auf diese Stelle hatte ich mich besonders gefreut, denn den nun folgenden Teil des Marsches kannte ich noch nicht. Weiter ging es durch einen kurzen Waldabschnitt nach Hanau Wilhelmsbad. Dort herrschte in der vor mir laufenden Gruppe kurz Verwirrung, da im Staatspark Hanau Wilhelmsbad die Markierungen fehlten. Doch ich hatte mir die Strecke auf dem Handy als GPX-Datei gespeichert und konnte mich anhand der App „GPX Viewer“ gut orientieren. Schon nach wenigen hundert Metern trafen wir wieder auf eine Markierung und konnten sicher sein, den richtigen Weg gewählt zu haben. Direkt danach erreichte ich den von YFood gesponserten Verpflegungsstand bei Km 51 (1:00 Uhr). Hier gab es Trinknahrung in verschiedenen Geschmacksrichtungen, eine willkommene Abwechslung zu den Müsliriegeln.

7a2b23bfb15d3e0281722fcb38a06669aee6c4667aef1b789643fcbec0e5b17cDer YFood Stand auf halber Strecke – geschmacklich eine willkommene Abwechslung

Ich hielt mich jedoch nur so lange auf, wie ich brauchte, um meine Flasche auszutrinken und nahm die lange Gerade hinunter zum Mainufer in Angriff. Dort passierte ich das wunderschön anzuschauende Schloss Philippsruhe. Nun ging es für 7 Km immer am Mainufer entlang. Dieser Streckenabschnitt zog sich zunehmend in die Länge, einziges Highlight war die Überquerung des Mains an der Staustufe Mühlheim. Ich verfiel in einen leicht apathischen Zustand und überlegte, was wohl in dem Wanderer, dessen Schritte ich in immer gleichbleibendem Abstand hinter mir hörte, vorgehen mochte. Viele Wanderer hatten zu diesem Zeitpunkt Kopfhörer auf den Ohren und hörten Musik, ich jedoch lauschte lieber auf die nächtliche Natur. Endlich ging es links ab nach Rumpenheim und zur VPS3, die sich bei Km 62,5 an einer Schule befand (2:55 Uhr).

96d7ecdc5fa1adfa61677df655450a189adcacb7522b1967b893e1f544546b8bVPS3: An allen VPS wird eine umfangreiche Verpflegung von Früchten, Brötchen, Salami, Riegeln, Gurken, Salzstangen und mehr geboten. Außerdem gibt es kaltes Wasser zum Nachfüllen für unterwegs und heißes Wasser zum Anrühren von Kaffee, Tee und Brühe

Ich begann nun zusätzlich zu den Schmerzen eine Ermüdung meiner Muskulatur zu spüren, was zur Folge hatte, dass zunehmend Gedanken aufkamen wie: „Du hast zwar schon deutlich mehr als die Hälfte, aber vor dir liegen noch 38 Km – scheiße ist das noch lang!“ Der Aufbruch nach den 15 Minuten Pause verlief auch bei weitem nicht mehr so rund wie noch bei VPS2, ich benötigte nun erst einmal einen Kilometer in moderatem Tempo, bevor ich das Gefühl hatte wieder rund zu laufen. Das Erreichen des 65 Km Schildes baute mich dann wieder auf; überhaupt feierte ich jedes dieser Schilder, die bis Kilometer 90 alle 5 und ab da an jedem neuen Kilometer angebracht waren. Dann jedoch folgte ein langer Waldabschnitt; insbesondere eine 2,5 Km lange Gerade brachte mich mental auf einen Tiefpunkt. Denn zum einen wollte und wollte das 70 Km Schild einfach nicht auftauchen (obwohl es gefühlt längst hätte erscheinen müssen), zum anderen schrumpfte mein Sichtfeld im Wald im Licht meiner Stirnlampe zu einem regelrechten Tunnel zusammen, der bar jeder Abwechslung und dazu auch ein wenig unheimlich war. Und so war ich froh, als ich endlich Heusenstamm erreichte, denn nun war auch die VPS4 nicht mehr weit. Ich erreichte den letzten Verpflegungspunkt um 5:40 Uhr (Km 76,5). Hier war es sehr ruhig, nur wenige Wanderer waren anwesend. Ich würgte ein paar Salzstangen, Wurst und ein Marmeladenbrot hinunter, musste mich jedoch regelrecht dazu überwinden, denn mein Hungergefühl war komplett verschwunden. Auch ein Kaffee konnte mich nicht mehr wirklich aufbauen. Hier war die mentale Hürde, diesen „Ort der Geborgenheit“ (Wärme, andere Menschen, Verpflegung…) wieder zu verlassen enorm. Dazu kam ja auch das Wissen, dass immerhin noch 23,5 Km vor mir lagen, was bei einem Schnitt von 6 Km/h immerhin noch 4 Stunden Wanderzeit bedeutet. Dies kam mir bei meinem jetzigen Grad an Erschöpfung als eine unglaublich lange Zeitspanne vor, denn ich verglich die vor mir liegende Strecke mit der eben von VPS3 bis VPS4 gewanderten Strecke von gerade einmal 14 Kilometern (2,5 Stunden Wanderzeit), die ich auch schon als lang empfunden hatte. Ich beschloss, die Strecke geistig zu dritteln, denn mein Vater erwartete mich bei Km 84 (also bei einem Drittel der letzten Etappe), um mich auf den letzten 16 Kilometern zu begleiten. Die Aussicht auf seine Begleitung gab mir wieder Kraft und Zuversicht. Der Aufbruch von VPS4 fiel mir wirklich schwer, die Muskulatur war wie eingerostet und ich konnte das Tempo nur ganz langsam steigern. Es folgten nun die unschönsten Kilometer des gesamten Marsches, denn es ging 7 Kilometer lang durch den Wald, davon alleine 3 Km stur geradeaus. Wiederum wollte die Gerade einfach kein Ende nehmen. Vor lauter Sorge, die Markierung zum Abbiegen zu verpassen schaute ich ständig auf der GPS App nach. Endlich ging es rechts ab, doch jetzt folgte ein mindestens ebenso unangenehmes Stück, denn der Weg war mehrfach von umgefallenen Bäumen versperrt. Ich war froh, als der Wald endlich zu Ende war und konnte nun im ersten Licht des Tages den Weg auch ohne Stirnlampe erkennen. Ich erreichte Dreieich, wo mein Vater und seine Lebensgefährtin mich bereits erwarteten. Die beiden versuchten mich wieder aufzubauen, denn von der Stimmung her hätte ich mich am liebsten an den Wegesrand gesetzt und den Rest des Tages die Füße hochgelegt. Zusätzlich zu den Schmerzen in den Füßen und im Rücken spürte ich nun immer mehr die muskuläre Erschöpfung und auch der Schlafmangel forderte seinen Tribut. Doch die Unterhaltung mit meinem Vater lenkte mich die nächsten Kilometer ganz gut ab, sodass es bis Kilometer 90 wieder etwas besser ging. Auch die wunderschöne Morgenstimmung und ganz allgemein die Tatsache, wieder im Tageslicht unterwegs zu sein bauten mich auf.

1aa3936348384e06040e0d46576e1f2988ac58171d0404e3ee992826e5673ddaEndlich geht die Sonne auf – welch eine Wohltat!

Die letzten 10 Kilometer allerdings ging es dann noch einmal richtig bergab, denn ich wollte gerne schnell wie möglich ins Ziel kommen, um mich endlich ausruhen zu können. Allerdings fiel es mir durch die Erschöpfung mittlerweile extrem schwer, auch nur eine Geschwindigkeit von 6 Km/h aufrechtzuerhalten. Dies ist eigentlich mein ganz normales Gehtempo, doch jetzt kam ich dabei richtig außer Atem. Diese letzten 10 Kilometer waren für mich die härtesten des gesamten Marsches, ich war so fertig, dass ich hätte heulen können. Am meisten zu schaffen machten mir letztendlich weniger die Schmerzen, als vielmehr die muskuläre Erschöpfung. Die Kilometer zogen sich ins Unendliche… Wenigstens war jetzt jeder einzelne Kilometer mit einem Schild versehen, sodass ich mich von Schild zu Schild hangeln konnte.

ce5da8b0e004f9dbb00b8ea10f01a943f5c84ed8e33a3509b64b899b2d1d0fe3Zum ersten mal ist Langen ausgeschildert! Das Ziel rückt in greifbare Nähe

Zwischendurch trafen wir mehrfach Spaziergänger und Fahrradfahrer, die sich erkundigten, ob wir Teilnehmer des Megamarsches seien und uns dann anfeuerten – das baute mich jedes Mal wieder ein wenig auf. Bei Kilometer 98 wurde es noch einmal besonders gemein, denn aufgrund einer Streckensperrung musste der direkte Weg zum Ziel in einer Schleife von über einem Kilometer umgangen werden. Ein Kilometer hört sich natürlich im Verhältnis zur Gesamtstrecke von 100 Km lächerlich an, in diesem Moment aber empfand ich diesen Umweg als maximal anstrengend. Endlich war der letzte Kilometer erreicht. Ab hier waren sogar alle 100 m Markierungen auf dem Boden gesprüht – auch das scheinbar lächerlich, doch es erleichterte mir diesen Kilometer erheblich. Nun wurde mein Projekt tatsächlich Realität! Das gesamte vergangene Jahr der Vorbereitung kulminierte in diesem Augenblick in mir, sodass ich einen richtigen Klos im Hals bekam und die Tränen wegblinzeln musste. Am Ziel wurde ich bereits von meiner Frau und meinem Sohn erwartet. Der eigentliche Zieldurchlauf war dann relativ unspektakulär, ich bekam eine Medaille, lies mir die Urkunde ausstellen und schnappte mir mein Finisherbier. Jetzt gab es nur noch einen Gedanken – wo ist die nächste Bank…?

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Am Zieleinlauf ist sogar der rote Teppich ausgerollt

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Geschafft!!!

Welches Fazit ziehe ich aus dieser Erfahrung? Für mich war es eine Bereicherung, sie gemacht zu haben. Bislang hatte ich die härtesten inneren Kämpfe auf meinen Expeditionen in großer Höhe gehabt, ich meine aber sagen zu können, dass diese auf dem letzten Drittel des Megamarsches übertroffen wurden. Die besondere Herausforderung ist es nämlich, den sich einstellenden Schmerz- und Erschöpfungszustand nicht nur kurz, sondern über viele Stunden hinweg zu tolerieren und trotz einer noch irrwitzig erscheinenden Reststrecke einfach immer weiter zu machen. Der Megamarsch Werbeslogan „Die Challenge deines Lebens“ mag zwar etwas hochtrabend klingen, entbehrt aber auch nicht einer gewissen Wahrheit, denn ich glaube für viele der Megamarsch Teilnehmer (zumindest die, die zum ersten Mal teilnehmen oder die vollständige Strecke zum ersten Mal finishen) bedeutet dies wirklich die größte Herausforderung ihres bisherigen Lebens. Wenn ich die 100 Km einmal in mentale Etappen unterteilen müsste würde ich sie folgendermaßen aufgliedern:

  • Km 0-20: Komplett schmerzfrei, enthusiastisch, genussvoll
  • Km 20-50: Erste Schmerzen, jedoch noch genussvoll zu wandern
  • Km 50-70: Zunehmende Schmerzen, beginnende Ermüdung, Stimmung sinkt
  • Km 70-100: Hier entscheidet sich der Marsch, absolute Quälerei

Würde ich einen 100 Km Marsch empfehlen? Ja, für alle die gerne einmal eine außergewöhnliche Erfahrung machen, ihre mentale Stärke testen und gefahrlos an ihre Grenzen gehen wollen. Und noch ein Wort zum Megamarsch als Veranstaltung: Ich kann sie vorbehaltlos empfehlen, die Organisation ist gut, die Strecke ist perfekt markiert, die Verpflegung ist vielfältig und das Team sehr sympathisch (davon konnte ich mich auch bei meinem Engagement als Volunteer beim Megamarsch München überzeugen). Wer jetzt Lust bekommen hat, selbst einmal einen Megamarsch zu absolvieren kommt hier auf die Megamarsch Startseite.

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